Fairphone: Zu viel versprochen. Eine Bilanz

(There is an English version of this here.)
(Bitte bedenken, dass dieser Artikel inzwischen veraltet ist.)

Seit gut drei Jahren beschäftige ich mich mit fairer Elektronik und IT im speziellen. Das Projekt von Fairphone ist mir Ende 2010 aufgefallen: Ein Gute-Laune-Video direkt aus Minengebieten des Südosten der D.R.Kongo, wo das Team ein paar Brocken (angeblich) Kobalterz direkt von den Arbeitern gekauft hat und das als ein erster Schritt in Richtung eines fairen Handys beworben wurde. Wirkte ziemlich naiv. Mir fiel auf, dass kein einziger Techniker im Team ist, dass das ganze wohl mehr ein Marketingexperiment zu sein schien denn eine ernst zu nehmende Hardwareentwicklung. Überhaupt: Wie soll man ein faires Handy herstellen, weil selbst eine Computermaus nur teil-fair werden kann?

Aber es wurde gebaut! Nun sind tatsächlich die Fairphones fertig und man kann Bilanz ziehen: Wie fair ist das Fairphone?

Ich konzentriere mich auf drei für die Fairness wichtigsten Aspekte: Rohstoffbeschaffung, Arbeitsbedingungen bei der Fertigung, Transparenz im allgemeinen. Geprüft werden diese anhand zwei Versprechen: Das Fairphone sei „ethically sourced“ und „inspires the industry“.

Gar-nicht-mal-so-Fairphone

Der Name Fairphone war schon immer eine ärgerliche Anmaßung, die leider unreflektiert in unzähligen Nachrichtenartikeln übernommen wurde. Diese Medienberichte, überraschende Behauptungen (die eigentlich Hoffnungen waren) und die Fragen die ich in den letzten Monaten bekommen habe weisen darauf hin, dass – bewusst oder nicht – falsche Vorstellungen herrschten. Groß waren nur die Versprechungen und was man sich versprochen hat. Das Team und das Budget für das Fairphone waren dagegen sehr klein, das sollte man nicht vergessen.

Rohstoffe

Initiiert von Firmen wie Motorola, AVX, HP, Philips, Intel und anderen ist Fairphone auf den schon gestarteten Zug aufgesprungen und bezieht ihre Elektrolytkondensatoren (konkret: pro Gerät gibt es genau einen) und ihre Lötpaste (und vermutlich Lötdraht) mit den Rohstoffen Tantal respektive Zinn, die beide verhüttet werden aus Erzen, die aus konfliktfreien Minen der D.R.Kongo stammen. Das sind vermutlich etwa 1g des Geräts.

Als fair kann man bezeichnen, dass diese Rohstoffe weiterhin aus dieser besonders gebeutelten Region kommen, aus der sich viele andere zurückgezogen haben.

Was oft übersehen wird: Nicht alles Zinn im Fairphone ist sicher konfliktfrei (schon gar nicht aus Kongo) und eventuell gibt es auch weiteres Tantal in dem Gerät (nämlich in den ICs), dessen Herkunft nicht bekannt ist. Über die anderen Rohstoffe ist ebenfalls nichts bekannt.

Dabei ist konfliktfrei nicht gleich fair: Auch wenn die Minen, aus dem das genannte Zinn und Tantal kommt, mal zertifiziert wurden (z.B. bzgl. Kinderarbeit), so sind die Kriterien im Vergleich zu bspw. fairem Kaffee schwach, zudem eine Verlässlichkeit in Kongo eher nicht zu erwarten. Die Zertifizierung der Minen und des Transportweges der Erze sind nicht ohne Probleme, der Nachweis der Konfliktfreiheit kann kaum lückenfrei geschehen, Korruption und Betrug sind nicht unüblich, Monopol-ähnliche Strukturen gefährden das Einkommen der Minenarbeiter.

Die Entwicklung ist erst am Anfang, und Fairphone leistet einen kleinen Beitrag dazu, dass es voran geht.

Fertigung

Fairphone hat sich einen Fertiger in China gesucht, A’Hong, der zum einen bereit war, die kleine Marge von 25000 Geräten herzustellen (auf Basis eines ihm bekannten Designs) und zum anderen dies mit Audits und einer potenziell längerfristigen Geschäftsbeziehung zu verbinden.

  • Die Audits wurden gemacht und haben viele kleine aber feine Verbesserungen gebracht.
  • Strukturelle Probleme bleiben aber: Gezahlt wird lediglich der Mindestlohn plus Überstundenzuschlag. Das reicht nicht für das Label fair und ist weniger als noch bei Veröffentlichung des cost breakdown im September versprochen: die dort in Aussicht gestellte living wage Studie wurde nicht durchgeführt. Ein Living Wage ist grob das Gehalt das man zum Leben und Ernähren einer kleinen, jungen Familie benötigt. Er liegt in China grundsätzlich deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn.
  • Die Arbeitsstunden wurden auf (weiterhin ungesetzliche, aber typische) 60 Stunden reduziert und ein freier Tag pro Woche durchgesetzt. Das ist bei A’Hong außerhalb der Fertigungszeiten des Fairphone schlechter. Die grundsätzlich zu begrüßende Arbeitszeitverkürzung ist allerdings etwas, was den Arbeitern eventuell nicht gefällt: wegen des geringen Lohns wünschen sie sich üblicherweise eher längere Arbeitszeiten statt kürzere.
  • Zu loben ist, dass Fairphone neben dem geringen Lohn immerhin den zweiten klassischen Grund für Überstunden vermeiden konnte: Kurzfristige Auftragsänderungen durch den Auftraggeber. Die entstandenen Lieferschwierigkeiten (auch aufgrund von Qualitätsproblemen) hätte z.B. Apple niemals akzeptiert und müssten mit Überstunden und kurzfristig angeheuerten, noch schlechter bezahlten Aushilfsarbeitern ausgeglichen werden.
  • Zu gewerkschaftlicher Vertretung der Arbeit schweigt sich Fairphone und der Auditbericht vollständig aus.

Das Einzigartige am Fairphone sind die knapp 4 Euro, die pro Gerät in einen worker welfare fond gezahlt wurden, zur Hälfte vom Käufer, zur anderen Hälfte von A’Hong. Laut Fairphone ergäbe dies etwa ein Monatslohn pro A’Hong-Arbeitnehmer extra – ich habe das nicht nachgerechnet. Der Fonds soll aber nicht zwingend als Extralohn ausgezahlt werden (was nicht nachhaltig wäre), stattdessen soll über die Verwendung des Geldes unter Beteiligung der Arbeiter/innen abgestimmt werden. We are trying to find out what fair means“. Eine gewerkschaftliche Vertretung mit fortdauernden kollektiven Verhandlungen ersetzt das allerdings keineswegs; es könnte dem sogar entgegen wirken.

Zunächst einmal beobachten wir also keine bemerkenswerte Fairness bei der Fertigung, man muss schauen, was aus den Fondgeldern tatsächlich wird. Fairphone gibt zu, dass das erreichte enttäuscht und auf Dauer nicht genügt, aber man brauche Zeit.

Transparenz

Wegen der komplizierten Zulieferkette sind für eine Beurteilung der Fairness eines Handys auch die einzelnen Teile und deren Herkunft wichtig. Fairphone hat eine knappe, etwas beliebig erscheinende Liste der Herstellerfirmen einiger Teile veröffentlicht, ohne Fertigungsstandort oder Betrachtung der Rohstoffe, zu wenig also für eine Beurteilung. NagerIT, die teilfaire Maus, ist da viel weiter. Weil die Fertigung vollständig an A’Hong abgegeben wurde kann Fairphone auch keine Stückliste (bill of material) anbieten. So bleibt z.B. die Frage unbeantwortet, ob die Arbeitskosten bei der Fertigung tatsächlich höher sind als die mageren und oft kritisierten 1,5% bei einem iPhone.

Die Gewinnmargen sind bei den Kontraktfertigern meist zu gering um – wenn sie denn wollten – die Situation der Arbeiter deutlich zu verbessern. Die Gewinnmarge von A’Hong ist unbekannt, Fairphone selbst wird allerdings im Gegensatz zu Apple wohl keinen Gewinn machen, statt dessen wird Geld in die Verbesserung der Situation gesteckt, auch hier also eine Option in die Zukunft.

Kaum geeignet als Vorbild für die Multis

Fairphone hat bewiesen dass es eine Nachfrage gibt, wenn auch keine große. Würde Apple ein faires Handy anbieten (siehe die Fake-Aktion iPhone 4cf der Yes-Men) wäre es gewiss eine andere Nummer. Fairphone wollte zeigen, dass fair möglich ist, und dass die großen Hersteller es nachmachen können. Das ist leicht gesagt, aber nicht immer plausibel:

Rohstoffe

Viele IT-Geräte beinhalten inzwischen wegen Dodd-Frank 1502 konfliktfreie Rohstoffe, das Besondere am Fairphone ist, dass sie Aus-Kongo-konfliktfrei beziehen. Dodd-Frank hat für hohe Arbeitslosigkeit im Kongo gesorgt, Fairphone arbeitet dagegen. Wenn Apple etwa sagt – und sie tun es – sie hätten konfliktfreies Zinn, dann kommt es wahrscheinlich aus Indonesien, konfliktfrei zwar, aber auch nicht fair.

Problem: Der Bezug zertifiziert konfliktfreien Coltans (Tantalerz) und Cassiterit (Zinnerz) aus der D.R.Kongo ist nicht skalierbar. Die Mengen (Ruanda eingeschlossen) sind viel, viel zu gering für die Unmengen an Geräten, die derzeit verkauft werden. Die großen Hersteller können schlicht nicht das gleiche machen wie Fairphone.

Fairphone ist aber nicht das einzige Unternehmen, das konfliktfrei aus dem Kongo bezieht. Unklar bliebt bei den anderen beteiligten Firmen, welche ihrer Produkte es betrifft. Vermutlich haben die Hersteller Angst damit implizit zu verraten, dass ihre anderen Produkte nicht fair seien.

Fertigung

  • Kleine Verbesserungen nach Audits beim Kontraktfertiger – solche werden häufig gemacht – können viele Markenhersteller nachweisen, da ist Fairphone nur ob seiner geringen Größe bemerkenswert erfolgreich.
  • Grundsätzliche Änderungen im Bereich der Arbeitszeiten oder der gewerkschaftlichen Vertretung sind bei den Multis nicht zu erkennen, leider auch nicht bei Fairphone.
  • Bei der Fertigung eines iPhones bei Foxconn verdient man – die Rechnung ist wegen unterschiedlicher lokaler Mindestlöhne und fehlenden Informationen nicht ganz einfach – vermutlich mehr als bei der Fertigung des Fairphone bei A’Hong. Hintergrund meiner Annahme ist, dass Foxconn laut aller mir bekannten kritischen Berichte des letzten Jahres stets und überall mehr als den lokalen Mindestlohn bezahlt. Foxconn ist deswegen durchaus beliebt, auch weil es – wie A’Hong – die Löhne pünktlich zahlt. Hier ist das Fairphone also auch kein Vorbild.
  • 60 Wochenstunden sind eine übliche Grenze, die selten unterschritten, aber oft überschritten wird. Apple versucht es durchzusetzen, schafft es in letzter Zeit aber nicht mehr so recht, siehe Grafik auf ihrer Website.
  • Über die sonstigen Arbeitsbedingungen im Vergleich mit etwa Foxconn oder Pegatron kann ich nichts sagen, denn die einzelnen Auditberichte sind nicht leicht vergleichbar. Das müsste jemand machen, der echt viel Zeit hat…
  • Von einem workers welfare fund über dessen Verwendung die Arbeiter/innen mit entscheiden können habe ich allerdings bei niemand anderen etwas gelesen.

Beinahe witzig zu nennen ist, dass sich die Arbeitsbedingungen – konkret die auf 60 Stunden reduzierte Wochenarbeitszeit – bei A’Hong nur während der Fertigung des Fairphone geändert haben, also vor und nach diesen wenigen Tagen alles beim Alten geblieben ist, inkl. 70-Stunden-Woche ohne Pausentag. Deutlicher kann man nicht klar machen, dass sich niemand um das Vorbild Fairphone schert.

Wegen der geringen Auftragsmenge kann Fairphone ihren Auftrag nicht an Bedingungen knüpfen. Apple oder Samsung könnten schon. Das kleine Fairphone zeigt mit dem Finger auf das Versagen der Multis. Das ist gut und wichtig! Aber mehr ausrichten konnten sie nicht.

Transparenz

Der „cost breakdown“ ist sehr viel transparenter als alles was die großen Hersteller veröffentlichen. Stücklisten veröffentlicht kein Hersteller und wird auch wohl nie jemand tun. Das machen andere. Einige Hersteller veröffentlichen alle Zulieferbetriebe und deren Standort (HP geht sogar so weit und veröffentlicht alle Schmelzhütten). Man weiß allerdings nicht, was die Zulieferer im Detail tun, denn keiner der Hersteller ist bereit seine Geschäftsgeheimnisse zu verraten. Fairphone würde es tun wenn A’Hong wollte, ist da aber wohl kein Maßstab.

Eine Option für die Zukunft

Es ist unglaublich was das kleine Fairphone-Team (vermutlich per Selbstausbeutung) in den vergangenen drei Jahren auf die Beine gestellt hat, Hut ab! Das Ergebnis ist nüchtern betrachtet jedoch entsprechend klein. Es bleibt zudem ein unschönes Gefühl von falsch geschürten Hoffnungen.

Genauso wie vorher schon Nager-IT ist Fairphone losgezogen und hat nicht nur (wie ich…) über die Zustände geklagt. Das ist einer der notwendigen und wichtigen Schritte zu einer faireren IT. (Wer mehr wissen will bestelle sich das aktuelle FIfF-Heft bei fiff@fiff.de) Wir sehen aber auch: Ohne die Großen geht es nicht, das Fairphone-Projekt ist zu klein, um mehr als nur das Thema am Kochen zu halten.

Es wurde ein Anfang gemacht. Wer ein Fairphone 1 gekauft hat, hat dafür gesorgt dass der nächste Schritt gemacht werden kann. Vielen Dank dafür! Hoffentlich geht dem Team nicht die Puste aus, jetzt da Druck entsteht aufgrund von Lieferproblemen, Softwareproblemen, einem mäßigen Testergebnis und vielleicht auch Kritiken wie diesen. Bitte bleibt am Ball.

(25.1.14: Tippfehlerbeseitigung)

33 Gedanken zu “Fairphone: Zu viel versprochen. Eine Bilanz

  1. Unter http://www.macmark.de/blog/osx_blog_2013-12-a.php veröffentlichte @macmark_de eine deutliche Kritik an Fairphone, die im Grunde in eine ähnliche Richtung geht. Einige Sachen sehe ich aber anders, wie ich gleich darlege. Leider wird das Posting von ihm ständig geändert. Ich beziehe mich auf die Version von 6.1. 21:36 Uhr.

    1. Macmark ignoriert bei der Lohnberechnung den workers welfare fund des Fairphone komplett, der – wenn die Vertreter der Arbeiter es wollen – den Lohn für die Zeit der Fairphone-Fertigung locker über Foxconn-Niveau heben kann.

    2. Dass Foxconnarbeiter mehr verdienen als A’Hong-Arbeiter vermute ich auch. Seine Rechnung, dass es doppelt so viel sei, ist aber vermutlich nicht korrekt. (a) Es wird das Gehalt eines Technikers mit dem eines ungelernten Arbeiters verglichen. (b) Es werden Foxconngehälter von 2012 mit einem inzwischen anderen Umrechnungskurs in Dollar mit 2013 verglichen. (c) SACOM berichtet in http://sacom.hk/majority-of-foxconn-workers-only-receive-meager-wages/ im Gegensatz zur genannten Time-Quelle dass das Gehalt von CNY 1800 nur für Shenzhen gilt, nicht für Chengdu. Da müsste also nochmal recherchiert werden. (d) Bei A’Hong sind Essen und Unterkunft frei, bei Foxconn müsste man es aktuell recherchieren, laut SACOM war es vor zwei Jahren nicht so.

    3. „Die beiden konfliktfrei bezogenen Mineralien Zinn und Tantal für das Fairphone werden auch für viele andere Smartphones genauso bezogen.“ ist unbelegt und ziemlich sicher falsch, ich habe das in meinem Post dargelegt. Achtung: Konfliktfrei sind in der Tat viele, aber nicht Konfliktfrei-aus-dem-Kongo.

    4. Die Kriterien für das TCO-Certiefied-Siegel das Samsung für sein S4 bekommen hat beinhalten weder die Rohstoffherkunft noch das Gehalt der Arbeiter, siehe meine Darlegung unter http://blog.faire-computer.de/tco-das-lang-ersehnte-fair-label-fur-it-produkte/. Außerdem laufen derzeit Untersuchungen von TCO ob alles ordnungsgemäß abgelaufen ist. Vergleich: Fairphone kann sich die TCO-Zertifizierung schlicht nicht leisten und Apple kann sie allein wegen der eingeklebten Batterien nicht bekommen.

    • Das Problem welches ich sehe ist das ein 08/15 Bürger auf den Namen FairPhone stößt und durch diesen Namen verleitet wird zu glauben das es sich tatsächlich auch um ein komplett faires Smartphone handelt. Dies stimmt ja nun nicht ganz, aber das ist auch in Ordnung da Sie versuchen alles etwas fairer zu gestalten. Und da ist auch in der Regel eben die Frage ob der Name FairPhone wirklich passt. Für Marketingzwecke auf jeden Fall aber sonst? Deswegen muss sich auch FairPhone dieser Kritik stellen und deswegen ist auch die Kritik zum Teil richtig.

      • Ich glaube, dass diese offensive Marketing dazu beiträgt dieses Thema in das Bewusstsein der Masse zu tragen. Viele Menschen machen sich um Nachhaltigkeit, faire Arbeitsbedingungen etc. wenig bis gar keine Gedanken und es wird Zeit, dass sich dieser Umstand ändert. Die pessimistische Kritik kann ich zwar zum Teil verstehen, allerdings finde ich darf man die Singalwirkung (auch bei nue 25 000 verkauften Handys) nicht als zu gering einschätzen. Die Menge hat weniger Gewicht, als 1. die erfolgreiche Realisierung des Projektes und 2. das Vertrauen welches von den Vorfinanzierer dem Ganzen entgegengebracht haben. Wir sehen hier die Geburtstunde bewussten Konsumierens. Ich denke das sich dieser Prozess weiterentwickeln wird und neue Geschädsmodelle hervobringt.

  2. Vielen Dank für den Beitrag, der wiederum deutlich macht, wie verfahren die Situation bei der Herstellung von Digitaltechnik ist. Man wird nur mit ganz langem Atem deutliche Änderungen erreichen können. Es ist klar, daß in einem Beitrag nicht alle Aspekte bearbeitet werden können, die in diesen Zusammenhang gehören. Für mich sind das z.B. offene Hardware, freie Software, Recycling oder auch der Transportweg. Gerade heute habe ich gelesen, daß die 16 größten Containerschiffe soviel Schwefel in die Atmosphärte pusten wie der gesamte Automobilverkehr. Die gräßlichen Arbeitsbedingungen auf diesen Schiffen sind bekannt. Es gibt also so viel zu tun, daß man den Mut verlieren könnte. VIelleicht kann hier der eine oder andere Aspekt ja noch mal vertieft bearbeitet werden. So scheint es mir z.B. möglich, daß Nachteile der Hardware durch Freie Software ausgeglichen werden können; daß die Geräte dadurch nachhaltiger werden können, steht für mich fest.
    Ich finde es deshalb gut, daß die Fairphone-MacherInnen am Möglichern gemessen werden, Defizite durchaus benannt werden und sie ermutigt werden, weiter zu machen. Man wird beobachten, ob Fairphone hartnäckig kleinere Verbesserungen anstrebt und hoffenlich erreicht, oder zu reinem Marketing verkommt.
    Zu behaupten, große Anbieter wie Apple oder Samsung wären fairer, ist sehr kühn. – macmark scheint mir seinen Beitrag aus der Perspektive des Apple-Fanboys geschrieben zu haben.

  3. Alleine die Tatsache dass mal genauer hinter die Kullisen der Handy-Hersteller geschaut wird ist ein großer Verdienst von Fairphone.
    In der genannten Fabrik arbeiten 1000 Leute- 100 waren für Fairphone 4 Wochen lang beschäftigt. Das macht ja den Ansatz so schwierig für höhere Löhne und geringe Arbeitszeiten zu sorgen.

    Mit diesem Minibudget hätte kein anderes Team mehr leisten können und es gibt zahlreiche ebenso ehrgeizige Ansätze die nicht realisiert worden sind und bei denen viel Geld verheizt wurde.
    Fairphone hat immerhin das Versprechen eingehalten und liefert die vorbestellten Telefone aus (hoffentlich auch alle 25.000;)

    • Na ja das würde implizieren das grundsätzlich andere Projekte schiefgehen. Dem ist nicht so. Aber das ist eher unwichtig, unwichtig auch ist der Blick „hinter die Kulissen“. Dies ist auch in diesem Falle eine wichtige Marketinggrundlage für den weiteren Verkauf. Den die Käufer von FairPhone sind mehrheitlich IT-Nerds und diese kann man auch mit solchen Sachen locken.
      Ob das FairPhone wirklich Fair ist eine Einschätzung die ich nicht treffen möchte aber eines stört mich ist das man jetzt das ganze FairPhone Team um biegen und brechen zu Helden stilisieren möchte.

  4. Pingback: Unser Fairphone für die Android-Entwicklung ist da!

  5. Sebastian, danke für den Artikel. Deutlich differenzierter als Presse und viele Blogs, und mit angenehm neutralem, aber positiv konnotierten Fazit. Wenn ich die Meckerecken und Lobhudelbuden des Webs da so imm Vergleich lese, möchte ich jedesmal noch eine Taste aus dr Tatatr bssn. (Da blbt rgndwann ncht mhr vl Tatatr übrg.) Der überwiegende Teil der Presseartikel in meiner Filterblase sind positiv, und das macht Hoffnung für FP. Warten wir ab, wie’s die nächsten Monate und evtl. Jahre weitergeht.

    BTW, seit gestern steht das ganze auch auf der Softwareseite etwas besser da als die meisten Hersteller, die sourcen sind inklusive Kernel wohl zumindest teilweise draussen.

    Die größte (Arbeits-)Leistung von FP ist IMHO, das Thema Medienkompatibel über zwei Jahre hinweg gut plaziert zu haben. Der größte Erfolg ist, ebenfalls subjektiv betrachtet, dass sie den Weg bis zum fertigen Phon fast nachvollziehbar gemacht haben. Ich würde mir noch viel, viel mehr „openness“ wünschen (im Sinne von full disclosures), und deutlich weniger oberflächliche Statements von den FPern. Aber letztlich kann man es dem Interwebz eh nicht recht machen. Und mir schon mal gar nicht.

  6. Pingback: Breitband - Nicht ganz faire Phones und Bitcoin-Kartelle

  7. Ich habe seit Mai jeden einzelnen Artikel mitgelesen, den Fairphone auf dem Blog veröffentlich hat. Und die Kritik an ihnen, dass falsche Versprechen gemacht wurden, trifft nicht so sehr Fairphone, sondern die Medien.

    In ihren Blog-Artikeln betonen die Fairphone-Leute immer wieder betont, dass das Fairphone ein erster Schritt ist, dass zur Zeit ein faires Smartphone noch nicht möglich ist, usw.

    Dass der Name irreführend ist, stimmt allerdings. Vielleicht hätte das erste Fairphone nicht Fairphone 1 sondern Fairphone 0.1 heißen sollen. Um deutlich zu machen, dass das Gerät in Sachen Fairer Handel erst im Alphastadium ist.

  8. Pingback: Endlich stolzer Fairphone besitzer! | Andrés Blögle

  9. Guter Artikel, der meine bedenken sehr obejktiv zusammengefasst hat. Ich bin denoch seit kurzem Besitzer eines Fair(er)Phones… eben weil irgendwo ein Anfang gemacht werden muss.
    Auch muss ich mich meinem Vorposter anschließen. FP hat nie versucht den Eindruck zu erwecken, ein „faitres“ Telefon zu produzieren, sondern ein faireres. Das kam leider in den Berichterstattungen nicht immer so rüber.
    Einen Aspekt vermisse ich in dem Artikel leider noch. Ich denke das Fairphone ist das einzige Telefon auf dem Markt, für dessen Gehäuse Recyclingkunststoff zum Einsatz kam. Das ist in meinen Augen definitiv ein +-Punkt für die Nachhaltigkeit des Produktes 😀

    • Es fehlen einige positiv hervorzuhebene Aspekte des Fairphone; ich habe mich – das ist das Thema des Blogs – auf die Sozialkriterien (Fairness) konzentriert. Und dass mal ein Anfang gemacht werden musste ist nicht zu unterschätzen. Beim fairen Kaffee z.B. war es letztlich nicht anders, und ob der am Anfang wirklich so fair war wie er jetzt ist wage ich zu bezweifeln.

  10. Sehr guter Artikel Sebastian. Als ich zum ersten mal vom Fairphone gelesen habe und mich etwas darüber informiert hatte, da kam direkt der Gedanke auf dass es sich hier eher um Marketing Geschichte handelt.
    Ich habe vor 3 Jahren in Shenzhen ein Büro eröffnet, das war die Zeit der großen Horror Geschichten von Foxconn in Shenzhen. Meine 3. Mitarbeiterin kam von Foxconn, ich hatte Sie natürlich direkt zu den Vorgängen befragt. Sie reagierte mehr als verwundert und verstand die Aussagen überhaupt nicht. Ihre Frage war, warum sollte man denn dort arbeiten, wenn die Umstände oder die Bezahlung so schlecht wäre? Man müsse doch nur zur nächsten Fabrik um die Ecke gehen und dort arbeiten. Zu den Selbstmorden antwortete Sie mir mit der Frage, ob ich wisse wieviele Menschen dort arbeiteten? (es waren damals 500.000!). Somit relativierte sich das komplett. Es blieb außer Medienhysterie nichts mehr übrig.
    Nach 2.5 Jahren eigener Produktion in China/Shenzhen kann ich sagen in Shenzhen kann jeder ungelernte Fabrikmitarbeiter richtig gut leben! Das kann man wohl sogar auf die komplette Provinz Guangdong so übertragen.

    Vielleicht sollten wir uns mal wieder mehr Gedanken um faire Löhne und Bedingungen in Deutschland und Europa machen?

    Noch eine Anmerkung zum Budget des Fairphone, das Budget ist absolut nicht bescheiden für das was erreicht wurde. Teilweise sind sehr hohe Budgets veranschlagt worden.

    VG
    Patrik

  11. Danke Sebastian, Ist Fairphone nur ein Fake initiative,für die Kundschaft die abstand genommen hat von der „Marktführende“ Smartphone Hersteller. Eine Autopsie eines Geräts könnte etwas Licht in der Fairphone Zusammenstellung bringen.
    Grüß
    Leon

  12. Ob das Fairphone nur eine Marketing-Angelegenheit ist oder mehr, wird sich daran zeigen, welche Veränderungen sich bei den nächsten Produktionschargen ergeben. Wenn man fair nicht nur eng auf die Rohstoffe und die Produktionsbedingungen bezieht, gibt es eine Fülle von Bereichen, in denen das Fairphone weiter entwickelt werden kann, z.B.:
    – Transport und Distribution. Wie sind dort die Arbeitsbedingungen oder die Umweltbelastung;
    – Welche Veränderungen ergeben sich in der Konstruktion? Wird das Fairphon besser reparabel, kann man es durch Austausch von Komponenten „upgraden“.
    – Wie weit ist die Hardware offen? GIbt es für alle Komponenten Freie Treiber-Software?
    – Kann man andere Betriebssysteme installieren? Jolla, Firefox-OS, Ubuntu
    – Wie weit wird Freie Software verwendet?
    – Wie weit bietet das Fairphone Schutz gegen Überwachung. Kann ich die Rechte von Apps differenziert setzen?
    – Wie lange werden Software-Updates geliefert?
    – Werden weitere Bereiche transparent gemacht.

    Aus meiner Sicht sind dies teilweise Bereiche, in denen man viel schneller und einfacher positive Veränderungen herbeiführen kann als bei den Arbeitsbedingungen und den Rohstoffen. Das muß auch geschehen, wird aber wohl Jahre dauern.

    • Das Fairphone (ich besitze eines der 1. Serie) hat einerseits die Diskussion rund um das Bewusstsein für fäire und umweltschonende Produkte auch bei der Consumer-Electronic zeitweilig angeregt, andererseits ist das Faiphone ein „Lehrstück“ dafür, wie gering der Handlungsspielraum bei solchen Startups ist, welche zu einem Grossteil auf „traditionelle“ Lieferanten und Hersteller angewiesen sind, bei welchen ein Produkt wie das Faiphone mit seiner vergleichsweise marginalen Stückzahl eine nur geringe Bedeutung geniesst.
      Das zeigt sich bei den nach wie vor erheblichen und bekannten Schwachstellen der Software, wie etwa das immer noch ungelöste dauernde Aussteigen der Kamera, siehe https://fairphone.zendesk.com/hc/communities/public/questions/200793287-Camera-app-crashing
      Die Entwickler bei Fairphone können das nicht lösen. Da sind sie auf den goodwill der Lieferanten und Produzenten angewiesen. Und der steigt mit der Stückzahl. Und mit 65’000 Stück (erste und – zur Zeit produzierte – zweite Charge zusammen) ist die doch recht klein.
      Und inwieweit die künftige 2. Version (http://www.netzwoche.ch/de-CH/News/2014/03/27/Fairphone-2-soll-Anfang-2015-kommen.aspx) eine deutlch offenere SW-Strategie verfolgt und damit für den Markt der „Cracks“ interessant wird ist ungewiss.
      Möglich auch, dass „die Grossen“ vermehrt auf den „grünen Zug“ aufspringen (http://blogs.sonymobile.com/about-us/sustainability/commitment/overview/)
      Fairphone käme dann zwar unter die „Markträder“, hätte aber immerhin doch etwas bezüglich Bewusstseinsveränderung erreicht.

  13. Pingback: Warum wir Blogs brauchen am Beispiel Fairphone

  14. Zunächst mal: einer der besten Artikel die ich zum Fairphone gelesen habe.
    Was ein wenig unterging, auch in anderen Berichten über das Telefon und die Produktion: Wir haben es hier mit einem start up zu tun, das ein Produkt auf dem Markt plaziert.
    Vergleiche mit Samsung oder Apple hinken doch gewaltig, sind doch die Möglichkeiten dieser Konzerne ganz andere als die eines kleinen Start Ups.
    Ein Bewusstsein zu schüren, für fairere Produkte, für Produktionsbedingungen, für anständige Löhne ist fast nicht aufzuwiegen. Genau diesen Part lassen die Global Player komplett vermissen.
    Ein erster wichtiger Schritt, von dem andere lernen können und die Standards hoffentlich immer höher setzen.

  15. Pingback: Fairphone First Edition | Christian Palm | Blog

  16. Pingback: Technikethik | Pearltrees

  17. Das einzige, was fair am sog. „Fairphone“ ist, ist die allumfassende Fairarsche.

    „Fairphone selbst wird allerdings im Gegensatz zu Apple wohl keinen Gewinn machen, statt dessen wird Geld in die Verbesserung der Situation gesteckt, auch hier also eine Option in die Zukunft.“

    Wie kommst du denn auf diesen Schuh? Mit den ersten 25.000 verkauften „Fairphones“, haben diese 15 scheinheiligen Wir-tun-mal-so-als-ob-Do gooder aus Amsterdam ca. 4 Mio. Euro Reingewinn gemacht.
    Auf Kosten von 100 maximal ausgebeuteten A’Hong-Arbeitssklaven, die für den lächerlichen Mindestlohn von gerade mal 169 USD vier Wochen lang 60 die Woche schuften durften.
    Das alles, damit eine kleine, elitäre Schar von gelangweilten und wohlstandssatten europäischen Bessermenschen für lächerlich wenig Geld „ein Zeichen setzen“ konnte. Geht’s eigentlich noch verlogener?

    Übrigens, beide Mineralien, welche von den „Faiphone“-Hanseln nach ihrer plumsvergnügten Safari in postkolonialistisch-gönnerhafter Art im Kongo bestellt wurden, werden auch mit Hilfe von Kinderarbeit produziert. Darauf angesprochen und mit der Frage konfrontiert, warum sie nicht einfach Zinn und Tantal in Australien, Indonesien oder wenigsten, wie beim A’Hong-Original, aus China beziehen würden (wo zumindest keine Kinder für ihr ach so „faires“ Projekt ausgebeutet würden), antwortete einer von denen sinngemäss, sie täten dies bewusst um – Achtung-fertig-los – „ihren Einfluss in der Region nicht zu verlieren“. Selten lagen Anmaßung und Menschenverachtung so nahe beieinander.
    Widerwärtig.

    • Haßerfüllte besserwisserische Kommentare im Internet machen die Welt ganz sicher besser als irgendwer, der versucht, das System von innen heraus und sich seiner eigenen Logik bedienend zu verändern. Not. ^^

      Sebastians Blogbeitrag ist da um einiges kultivierter, informativer und ausgewogener, auch wenn ich seine Kritik nicht voll mittragen kan.

      Inhaltlich sei angemerkt: Sich der eignenen Grenzen bewußt zu werden ist Teil des Fairphone-Projekts. Das es mitterweile rund 40.000 Menschen gibt, die bereit waren, dafür ordentlich Geld in die Hand zu nehmen juckt die Industrie sicher nicht richtig. Aber die Diskussion, die das Projekt angestoßen hat, ist richtig und wichtig. Auch und besonders die Kritik an Fairphone. Beleidigungen hinzurotzen und von 4 Mio. € Reingewinn zu schwadronieren ist dabei kein guter Stil. Das geht auch schlauer.

      • Danke für den Kommentar des Kommentars. Wie man bei ca. 9 Millionen Umsatz 4 Millionen € Gewinn machen kann (25.000 x 350 €) wird Geheimnis von Herr Gottfried bleiben und zeigt die Qualität seines Kommentars. Eine kritische Begleitung von fairphone, wie sie hier geschieht, ist sehr wichtig. Beim Betriebssystem sind sie z.B. noch lange nicht so weit, wie ich mir das wünsche.

  18. Pingback: Fairphone 2: Schluss mit alten Schwächen | BASIC thinking

  19. Pingback: iPhone vs. Fairphone – Ist die Nachhaltigkeit durch den Kauf eines Fairphones gesichert? – Unterrichtsblog

  20. Warum hat man seinen Sitz in den Niederlanden gewählt? Da gelten recht niedrige Steuersätze und warum ist das Gerät trotz dieser Minimal“verbesserungen“ so extrem teuer?

    • Hallo Stefan,

      die Macher von Fairphone sind Amsterdamer, das Projekt zudem eine Ausgründung der Waag Society, daher der Sitz in den Niederlanden. Das hat gewiss nichts mit den Steuern zu tun. Der Preis ist so hoch, weil das neue Modell eine Eigenentwicklung ist (im Gegensatz zum Fairphone 1) und die Entwicklungskosten reinkommen müssen. Da die gefertigte/verkaufte Anzahl der Handys im Vergleich zu großen Anbietern äußerst gering ist, entstehen hohe Kosten pro Gerät. Ähnliches gilt für die Computermaus von NagerIT.

      Grüße,
      Sebastian

  21. Pingback: Kommentar: Greenpeace zur Smartphone-Nutzung - grüne Prinzipien, mehr nicht

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