„Faire Arbeitsbedingungen gibt es in China nicht“

61de64274.8605083,5Peter Pawlicki, Soziologe, arbeitete lange Zeit am Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt zusammen mit Dr. Boy Lüthje an mehreren Forschungsprojekten zur inter-nationalen Arbeitsteilung in der Elektronikindustrie. Im Rahmen seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Ingenieurarbeit in Entwicklungsnetzwerken der Halbleiter-sparte. Zurzeit arbeitet er bei der IG Metall als Projektsekretär zum Thema Arbeit und Innovation. Er ist persönliches Mitglied bei GoodElectronics und kommentiert im Rahmen der jüngsten Veröffentlichungen über die Fertigung des FairPhones in China die Entwicklung. Wir haben ihn interviewt.

Faire Computer: Inzwischen kann man das erste teilfaire Smartphone bestellen. Kaufst Du Dir ein FairPhone?

Peter Pawlicki: Nein, ich werde mir kein Fairphone kaufen. Dies hat hauptsächlich zwei Gründe: Mein aktuelles Smartphone habe ich letztes Jahr erworben und es funktioniert sehr gut. Die Produktion der einzelnen Komponenten eines Smartphones führt zu immensen Umweltbelastungen. Um diese etwas geringer zu halten werde ich ein neues Gerät erst kaufen, wenn das jetzige kaputt gehen wird. Gleichzeitig bin ich etwas enttäuscht von dem Vorgehen von Fairphone und will die weitere Entwicklung abwarten, bevor ich mir eine endgültigere Meinung zu ihrem Vorhaben bilde.

Wie fair ist dieses Phone?

Ich würde gerne auf diese Frage antworten, aber mein Unvermögen dies zu tun ist stark mit meiner Enttäuschung über Fairphone verbunden. Zwar gibt es ein paar Informationen zu den Arbeitsbedingungen in der Wertschöpfungskette des Fairphones, aber diese gehen fast nie über journalistische Kurzbeschreibungen und allgemein gehaltene Absichtserklärungen hinaus. Vom Konzept her scheint Fairphone in die richtige Richtung gehen zu wollen, es bleibt jedoch abzuwarten in wie weit dies gelingen wird.

Warum können nicht die großen Hersteller ein faireres Gerät anbieten?

Die großen Hersteller könnten es machen. Wenn z.B. Apple Profitmargen von über 30 Prozent erwirtschaften und gleichzeitig seine Auftragsfertiger wie Foxconn und Pegatron nur magere Margen von unter 6 Prozent erwirtschaften können wird klar, dass hier ein strukturelles Problem besteht.

Das Problem ist mit Entwicklungen der industriellen Organisation der Elektronikindustrie verbunden und kann stark vereinfacht mit den Begriffen Outsourcing und Offshoring beschrieben werden.  Im Zuge dieser Entwicklungen sind äußerst komplexe Produktionsnetzwerke entstanden, in denen die OEMs die Macht haben Standards durchzusetzen und der von ihnen angefeuerte Konkurrenzkampf auf dem Rücken der Arbeiterinnen und Arbeiter ausgetragen wird.

Wie findet man in China einen einigermaßen fairen Fertiger? Oder
sollte man gar nicht in China suchen?

Ich beschäftige mich schon seit längerer Zeit mit der Elektronikindustrie und Mobiltelefonen. Seit einigen Jahren ist der größte Teil der Zulieferer für Mobiltelefone in den Küstenregionen Chinas angesiedelt – vom Plastiklieferanten, über die Chip- und Systemfertiger bis hin zu den Systementwicklern. Ein Mobiltelefon ohne Beteiligung von chinesischen Standorten zu entwickeln und zu fertigen ist somit nicht möglich.

Faire Arbeitsbedingungen im Sinne der von der ILO festgelegten internationalen Arbeitsstandards, gibt es in China nicht. Hier fangen die Probleme schon bei den Themen der Gründung unabhängiger Gewerkschaften und kollektiver Tarifverhandlungen an. Dabei handelt es sich um Kernelemente der ILO Standards. Dennoch sind auch in China positive Entwicklungen in den letzten Jahren zu verzeichnen. 2008 wurde ein verbessertes Arbeitsvertragsgesetz eingeführt das u.a. befristete Arbeitsverhältnisse stärker reguliert. Des weiteren führt z.B. das strategische Ziel Chinas höherwertige Produktion und auch Forschung- und Entwicklung anzusiedeln zu relativ großen Lohnsteigerungen, die durch die Anhebung der lokalen Mindestlöhne erreicht werden.

Kannst Du beurteilen, ob es den Arbeitern, die das FairPhone
herstellen, besser geht als denjenigen, die z.B. ein Apple-, Samsung-
oder Nokia-Gerät fertigen?

Die Beurteilung dessen ist sehr schwierig. Im Rahmen der Forschungsprojekte an denen ich mitgearbeitet habe, haben wir festgestellt, dass die öffentlich zugänglichen Daten nur sehr unzulängliche Aussagen über die herrschenden Arbeitsbedingungen enthalten. Besonders CSR-Reporte und Auditergebnisse müssen sehr kritisch gesehen werden.

Zu der Zeit als Nokia noch die meisten seiner Telefone in eigenen Werken hergestellt hat, war eine eindeutigere Antwort möglich: es war nicht alles gut in den Nokiawerken, aber die Arbeitsbedingungen waren auf jeden Fall viel besser als bei den Kontraktfertigern.
Eine solche höhere vertikale Integration hatte auch den Vorteil, dass ein_e Verantwortliche_r schneller gefunden werden konnte. Nokia konnte sich nicht hinter der Komplexität der Lieferkette verstecken, wie es die OEMs heutzutage zu tun pflegen.

Das Projekt der (teil-)fairen Maus, Nager IT, geht einen anderen Weg
und verzichtet explizit – soweit möglich – auf Rohstoffen aus dem Kongo
und Fertigung in China, um möglichst fair zu sein. Welcher Ansatz
verspricht mehr?

Dieser Ansatz ist bei komplexen Produkten wie Mobiltelefon schlicht nicht möglich.
Ich bezweifle auch, dass die NagerIT Maus ohne Chips aus Chipwerken in China und Taiwan auskommt. Außerdem garantiert ein europäischer Produktionsstandort alleine noch keine fairen Arbeitsbedingungen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch in Deutschland gewerkschaftsfeindliche Arbeitgeber gibt, die alles versuchen die Arbeitsbedingungen so weit wie möglich zu verschlechtern, um ihre Gewinne zu steigern.

Wie wichtig sind solche Ansätze, ein faires Angebot zu schaffen? Und
welche Strategie führt Deiner Meinung nach an ehesten dazu, dass die
Elektronikbranche tatsächlich fairer wird?

Solche Angebote sind gute Ansätze, als dass sie die Kunden für das Thema sensibilisieren. Es wäre jedoch falsch einer solchen Strategie der Sensibilisierung eine zu große Rolle zu zusprechen. Solche Sensibilisierungsstrategien können durchaus auch in Marketingstrategien enden, die aus dieser „Fair“-Mode Profit generieren, ohne wirklich etwas an den herrschenden Arbeitsbedingungen zu ändern. Genau in diese Kerbe schlug dieses Jahr die „Conscious“ Kollektion von H&M.
Die transnationale Regulierung und Durchsetzung von Arbeitsstandards ist die wohl wichtigste Strategie, die viel mehr erreichen kann als freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen und Auditingverfahren. Die Durchsetzung der Rechte auf freie Gewerkschaften und unabhängige Tarifverhandlungen ist von fundamentaler Bedeutung.
Gleichzeitig wird es auch wichtig sein durch das Einziehen bestimmter Standards in Systeme öffentlicher Beschaffung den Konsumentendruck über Einzelpersonen hinaus entscheidend zu erweitern.

Unfaire  Arbeitsbeziehungen existierten  weder nur in der Elektronikindustrie, noch alleine in den Ländern des globalen Südens. Arbeitskämpfe von Beschäftigten bei Amazon in Deutschland, oder die Generalstreiks in Portugal und Griechenland weisen darauf hin, dass wir es mit grundlegendenen Problemen zu tun haben.

Literaturhinweise:

Palpacuer, Florence (2008) Bringing the Social Context Back in: Governance and Wealth
Distribution in Global Commodity Chains, Economy and Society 37, (3), 393–419.

Lüthje, Boy, Stefanie Hürtgen, Peter Pawlicki and Martina Sproll (2013 forthcoming),
From Silicon Valley to Shenzhen. Global Production and Work in the IT Industry.
Boulder, Co.:Rowman and Littlefield.

In deutsch schon erschienen als:
Stefanie Hürtgen/Boy Lüthje/Wilhelm Schumm/Martina Sproll,
Von Silicon Valley nach Shenzhen, VSA Verlag

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