Samsung gibt Kinderarbeit zu, allerdings nur bei Zulieferer des Zulieferers

Die Umweltschutzorganisation “Friends of the Earth” (FoE) hatte im November einen Bericht vorgelegt über die Zerstörungen beim Zinnabbau in Indonesien. Sie haben daraufhin eine Online-Kampagne gestartet mit automatisch versendeten Briefen an Apple und Samsung und der Aufforderung, die Herkunft ihres Zinns zu veröffentlichen.

Samsung hat tatsächlich geantwortet, in mitten 15.000 anderen auch mir, mit dem üblichen “Wir tun das Bestmögliche”-Geschreibse. FoE sind dabei nicht stehen geblieben: Sie demonstrierten vor Samsung-Konzerngebäuden und bei Chelsea-Spielen.

Und siehe da: Samsung hat nachgelegt und erklärt, dass es wahrscheinlich ist, dass ihre Geräte Zinn der Bankga-Inseln, Indonesien beinhaltet. Gemäß der Recherchen von FoE folgt daraus auch der Einsatz von Arbeitskräften unter 16 Jahre.

1:0 für Samsung schreibt FoE und fordert dazu auf, Apple weiterhin Briefe zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass Apple kein Statement abgeben wird, das wäre nicht deren Stil.

Neues Blog zu “Faire Computer”

Fair im Sinne von Fairer Kaffee.

Willkommen zum neuen Blog über “Faire Computer” oder “Fair IT”. Es soll hier um die IT-Produktion gehen, um deren Sozialverträglichkeit bei der Rohstoffbeschaffung, der Herstellung, aber auch der Entsorgung der Geräte. Wir beschreiben, wie der Stand der Dinge ist, welche Herausforderungen bestehen und wie man dazu kommen kann, Computer fairer zu produzieren.

Hinweis: Es gab vorrübergehend den bei WordPress gehosteten Blog fairecomputer.wordpress.com, der identisch war und nun nicht mehr fortgeführt wird.

Wer einen RSS-Feed haben möchte bekommt ihn unter http://blog.faire-computer.de/?feed=rss

Dass schon einige Artikel in diesem Blog zu finden sind, liegt daran, dass ich sie aus der Mailliste [FIfF-FairIT] des FIfF kopiert habe. Die Bilderreihe Rohstoffe – Fertigung – Entsorgung oben stammt aus dem Film “Behind the Screen”. Das Bild ganz rechts ist bei der Aktion “Bite into a fair apple” am 7.5.2011 in Hamburg entstanden.

Ich freue mich auf Rückmeldung. Viel Spaß!

Sebastian Jekutsch

KongoPhone und Kinderarbeit

In einem aktuellen Artikel der c’t 8/2013 wird über FairPhone berichtet. Es gibt keine neue Information über das hinaus, was ich schon in einem früheren Beitrag berichtet hatte: Tantal und Zinn sind gesichert, Gold könnte kommen, für Kobalt und Wolfram soll ein Vertriebsweg gefunden werden. Es wird bestätigt, dass das Projekt vor allem die Machbarkeit demonstrieren soll und das eigentliche Ziel ist, die großen Hersteller zu bewegen. Verhandlungen mit einem Kontraktfertiger laufen noch. Ob der Termin im Oktober zu halten ist wird zum ersten Mal etwas bezweifelt.

Einige Rohstoffe sollen konfliktfrei aus dem Ostkongo kommen, um den Menschen dort zu helfen. Ausgesprochen wird aber zum ersten Mal klar: “Eine Konsequenz davon ist, dass Kinderarbeit in unserer Lieferkette steckt.” Es wird Zeit für diese Offenheit, insbesondere da das Projekt sich einer “radikalen Transparenz” verschrieben hat. Transparenz ist das eine, Aufklärung von Missverständnissen das andere. Viele Medienberichte sind deshalb deutlich zu euphorisch.

Um es klar zu sagen: Die D.R. Kongo hat die entsprechenden ILO-Arbeitsnormen in Sachen Kinderarbeit unterzeichnet. Der aktuell vorhandene Abbau von Erzen im Kongo ist daher nicht nur gefühlt unfair, sondern in vielen Fällen schlicht illegal, sei er konfliktfrei oder nicht.

Diese Erkenntnis schmälert nicht die Projektabsichten von FairPhone. Entwicklungszusammenarbeit agiert immer in diesen Widersprüchen.

Was heißt “Konfliktfreie Rohstoffe aus dem Kongo” und wie fair ist das?

Nach meiner FairPhone-Zwischenstandsmeldung vor zwei Tagen kam von einem Kollegen die Frage, wie das denn gehen solle, Kongo und “konfliktfrei”. Berechtigte Frage! Die kurze Antwort ist “Man behauptet, dass es geht”, die ausführliche Antwort folgt, ist aber leider etwas länglich, sorry.

Lage im Ost-Kongo

In der Rohstoff-reichen Gegend des Ostens der Demokratischen Republik Kongo gibt es seit Jahren keine Staatsgewalt mehr. Mehr als ein Dutzend Milizen leben davon, von Ort zu Ort, auch von Mine zu Mine zu ziehen um sich mit Waffengewalt ein Leben zu sichern. Die Regierungsarmee ist zwar vor Ort, aber genauso machtlos wie korrupt. Die Rebellenorganisation M23 hatte Ende letzten Jahres sogar die Provinzhauptstadt Goma eingenommen, über die ein Großteil des Handels mit Coltan (Tantalerz), Kassiterit (Zinnerz) und Gold der Gegend läuft. Inzwischen ist sie wieder befreit, die M23 hat aber alles mitgehen lassen, was nicht festgenagelt war.

Der Kongo ist also mitnichten konfliktfrei. In der Regel verdienen Miltärs aller Art an den Rohstoffen, indem sie einfach die Abbauorte, Transport- und Handelswege sperren und unter Gewalt und Drohungen willkürlich Schürfgebühren und Wegezoll verlangen. Schon im Jahr 2000 hat eine UN-Kommission aufgedeckt, dass auf diese Weise durch den Rohstoffhandel der Bürgerkrieg am Leben gehalten wird.

Begriff “konfliktfrei”

Rohstoffe werden “konfliktfrei” genannt, wenn keine militärische Partei daran Geld verdient hat. Das ist in den meisten Ländern der Welt der Fall, soll aber auch im Kongo möglich sein, denn es gibt Minen, die nicht kontrolliert werden und kontrollierte Handelswege.

Konfliktfreies aus dem Kongo

Es gibt seit 2010 ein Gesetz in den U.S.A. (Dodd-Frank Sec. 1502/1504), das Hersteller verpflichtet zu berichten, wenn in ihren Produkten Rohstoffe aus dem Ost-Kongo und angrenzenden Gebieten enthalten sind. Konfliktmineralien sind nicht verboten, man muss nur berichten, wenn man sie einsetzt.

Das entspricht praktisch einem Embargo. Offensichtlich scheint es trotz aller Probleme lohnenswert zu sein, Rohstoffe aus dem Kongo zu beziehen (wegen der Preise?…das weiß ich leider nicht) so dass sich nach Verabschiedung des Gesetzes einige Firmen um konfliktfreie Wege gekümmert haben. Die maßgeblichen Projekte sind “Solutions for Hope” für Tantal und “Conflict Free Tin Initiative” für Zinn, beide unter http://solutions-network.org zu finden. (Leider habe ich bislang auch nicht verstanden, wie die Konfliktfreiheit eigentlich nachgewiesen wird.)

Konfliktfrei versus Fair

Das Leben der Bevölkerung wäre ohne Militärpräsenz ein Besseres, keine Frage, so gesehen ist die Bevorzugung konfliktfreier Rohstoffe ein Aspekt der Fairness. Konfliktfreiheit impliziert aber nicht all die anderen Aspekte wie Löhne, Arbeitsbedingungen, Ächtung von Kinderarbeit, etc.

Das wichtigste Förderland für Tantal beispielsweise ist Australien. Es ist anzunehmen, dass es dort nicht nur konfliktfrei zugeht, sondern auch insgesamt fairer. Wenn man konfliktfreie Mineralien aus dem Kongo bezieht, dann macht man das (außer vermutlich wegen der Kosten, s.o.) aus einem entwicklungspolitischen Ansatz heraus, weil man der Region nämlich helfen möchte.

FairPhone versus NagerIT

Das FairPhone-Projekt hat genau das zum Ziel und nutzt die Wege des Solution-Netzwerks, mit der Folge im Zweifel gar nicht das Fairste einzukaufen was zu haben ist. NagerIT, das Projekt mit der teilfairen Maus, würde hingegen in Australien einkaufen. Allerdings: In der Maus ist gar kein Tantal drin. Das Zinn kommt Europa und aus unbekannter Herkunft, siehe http://www.nager-it.de/static/pdf/lieferkette.pdf

Literatur

  • Finnwatch & Swedwatch: From Congo with no Blood, 2012 (http://makeitfair.org/en/the-facts/news/from-congo-with-no-blood)
  • Enough Project: Conflict Minerals (http://www.enoughproject.org/conflict-minerals)

FairPhone: Stand der Dinge

Beim FairPhone gibt es keine Neuigkeiten, aber viele erwartungsfreudige Berichte in vielen bekannten Medien. Es ist nicht einfach, den Überblick zu behalten, was aktueller Stand der Planung ist. Zusammen mit einem Vergleich mit anderen Angeboten versuche ich es in diesem Posting mal, wobei ich mich vor allem auf die Aspekte der “Fairness” beziehe:

Eckdaten

  • Gerät: Ein SmartPhone, Android (rootable), zwei SIM-Karten einsetzbar
  • Kosten: 250-300 Euro
  • Termin: Herbst 2013, Prototyp im Sommer
  • Anzahl: 10000 Stück
  • Vertrieb: Vermutlich direkt, aber auch per KPN/e-plus, evtl. Vodafone und O2. Gespräche mit Telekom/T-Mobile.

Leitlinien

  1. Fokus auf die sozialen und entwicklungspolitische Kriterien bei der Rohstoffgewinnung und der Fertigung, gleichzeitig Augenmerk auf Reparier- und Recyclebarkeit
  2. Radikale Transparenz, d.h. Nachweis der Herkunft aller Teile
  3. Technik ist drittrangig, allerdings sollte sie die Nachfrage nicht behindern. Sie sollte möglichst offen/wandelbar/reparierbar/anpassbar sein.
  4. Erstmal einen Wandel anstoßen statt alles auf einmal lösen.

Fairness

  • Einsatz konfliktfreien Zinns aus dem Kongo, zertifiziert von “Conflict-Free Tin Initiative”. Wird benötigt für Leiterplatten und Lötungen. Hersteller der Lötpaste kommt aus China; Fairness unklar. In Leiterplatten vermutlich konventionelles Zinn.
  • Einsatz konfliktfreien Tantals aus dem Kongo, zertifiziert von “Solutions for Hope”. Wird benötigt für Kondensatoren. K.hersteller aus Tschechien; Fairness unklar.
  • Von FairPhone begutachtete Arbeitsbedingungen bei bislang noch nicht gefundenen chinesischem Design- und Herstellungsbetrieb. Verlangte Standards unklar.

Unkonkretes/Pläne

  • Aufbau von Lieferwegen von konfliktfreiem Kobalt, ebenfalls aus dem Kongo. Wird benötigt für Batterien.
  • Einsatz von Fairgold-zertifiziertem Gold. Käme dann aus Kolumbien. Wird eingesetzt u.a. in Chips.

Stichproben-Vergleich: Markenfirmen und Fairness

  • Bei “Solutions for Hope” (Tantal) sind neben FairPhone u.a. Flextronics, Foxconn,  Intel, AVX, HP, Motorola, Nokia, RIM aktiv.
  • Bei “Conflict-Free Tin Initiative” sind neben FairPhone u.a. RIM, Motorola und einige Rohstoffakteure und Lothersteller aktiv, d.h. Zulieferer.
  • Apple wie viele andere behaupten, schon konfliktfreies Tantal einzusetzen. Das könnte allerdings auch aus Australien kommen, was von FairPhone wegen des fehlenden Entwicklungszusammenhangs abgelehnt wird.
  • Den entwicklungspolitischen Ansatz hat auch zumindest HP. HP hat auch im Conflict-free-Ranking Platz 2, nach Intel.
  • Audits in den Fertigungsbetrieben machen nahezu alle Markenhersteller, mehr oder weniger öffentlich und kritisch. Es gehört zum guten Ton, Mitglied von EICC zu sein, was meines Wissens ein Audit-Prozedere verlangt.

Meine Bewertung

  • Einziges komplexes IT-Produkt mit Fairnessanspruch mittels eines Best-of-breed-Ansatzes.
  • Im Fokus derzeit nicht die Fairness, sondern die Konfliktfreiheit der Rohstoffe, d.h. keine Aussage zu Kinderarbeit, einstürzenden Stollen und Arbeitslohn.
  • Vermutlich werden sie bei der geringen Stückzahl eher wenig Einfluss auf Fairness beim Fertiger haben. (10000 Geräte könnte Foxconn in wenigen Stunden herstellen.)
  • Die ganze Strategie macht nur Sinn, wenn das Projekt sehr langfristig angelegt wird mit stetiger Annäherung an die Ansprüche.

Quellen

Interaktive Karte der Apple Suppliers

Bislang hatte Apple lediglich die Namen der Firmen veröffentlicht, die zu ihren Produkten beitragen, in diesem Jahr ist Apple konkreter geworden und zählt einzelne Fertigungsbetriebe und ihren Standort auf. Zur Beurteilung der Fairness ist dies ein wichtiger Schritt.Die weltweite Verbreitung wird durch eine neue interaktive Karte gut sichtbar, die auf Basis der neuen Liste erstellt wurde. Wir reden also nicht nur von China, sondern z.B. auch in Deutschland liegen Vertragspartner.

Hewlett-Packard wacht wieder auf

Hewlett-Packard war lange Zeit der Good Guy unter den Kritikern der Arbeitsbedingungen in der IT-Industrie, denn HP hat als erste Markenfirma überhaupt die Liste ihrer Zulieferer veröffentlicht und soll vergleichsweise offen und transparent gewesen sein – so die Erzählungen von Aktiven aus Deutschland.Seit der Krise ihres PC-Geschäfts ist es um HP aber still geworden. Nun melden sie sich zurück mit der Pressemeldung, dass sie das strengste Kontrollsystem der Branche einsetzen wollen, um die Ausbeutung von Schülern und Studenten in ihren Pflichtpraktika als auch während Ferienjobs zu beenden. Dieser Aspekt ist in den letzten Monaten oft als “Kinderarbeit” diskutiert worden. Es scheint nicht unüblich, Praktikanten die gleiche (Schicht-)Arbeit machen zu lassen wie sie die Angestellten verrichten.

In der taz findet man eine Zusammenfassung der HP-Initiative.